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Tuesday, 21.11.2017

Handball in Neugersdorf - Tradition seit 1924

  • von 1924 bis 1945 Turnverein E.V.
  • von 1926 bis 1945 Turnverein Humor
  • von 1930 bis 1933 Arbeiter- Turn- und Sportverein
  • von 1931 bis 1932 Ballspielvereinigung Sportlust 1919 e.V.
  • von 1945 bis 1946 Antifaschistischer Einheitssportverband
  • von 1946 bis 1948 FDJ-Sportgemeinschaft
  • von 1948 bis 1949 Sportgemeinschaft Neugersdorf
  • 1950 Betriebssportgemeinschaft (BSG) Textil
  • von 1951 bis 1957 BSG Fortschritt
  • von 1958 bis 1975 Betriebs- Turn- und Sportgemeinschaft (BTSG)
  • von 1976 bis 1989 BSG Lautex
  • seit 1990 Turn- und Ballspielverein (TBSV)

Die Entstehung des Handballsports in Neugersdorf

Im Jahre 1917 ließ Max Heiser in Berlin aus dem Tor-, Raff- und Korbball ein neues Spiel entstehen - den Handball. Der Sportlehrer Karl Schelenz entwickelte diese neue Sportart vor allem in taktischer Hinsicht weiter und erhielt 1919 den Auftrag, das Handballspiel an der "Deutschen Hochschule für Leibesübungen" in Berlin zu lehren. Nach 1920 wurde die neue Sportart auch am Bautzener Lehrerseminar betrieben. Die angehenden Volksschullehrer brachten von dort das Handballspiel mit an ihre Dienstorte. Von einem jener Seminaristen, Herrn Walter Weiche aus Neugersdorf, stammen folgende Aufzeichnungen von 1957:
Nach dem 1. Weltkrieg bestand in Neugersdorf eine Ballspielvereinigung "Sportlust", die vor allen Dingen den Fußballsport pflegte. Später gliederte sich eine gute Leichtathletik - Abteilung an. Der Turnverein "Humor" und der Turnverein EV gaben sich dem Turnen hin, als Ballspiel wurde Faustball eingeführt. Im größten Turnverein, dem Turnverein EV, waren nur die Turner angesehen, denn der Vorsitzende, Neumanns Theodor, war ein alter Turner von echtem Schrot und Korn. Er wollte nur etwas vom Turnen wissen.
Im März des Jahres 1924 kam der junge Lehrer Siegfried Weiche vom Seminar in seine Heimatstadt und fand zuerst Arbeit in der Buntweberei (zur damaligen Zeit die Firma C. G. Hoffmann). Er hatte auf dem Bautzener Seminar das Handballspiel gepflegt und versuchte nun, im Turnverein EV das Handballspiel einzuführen. Es galt, grosse Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. S. Weiche fand junge Turner, die am Handballspiel Gefallen fanden. Er übte mit ihnen im Sommer 1924 eifrig Handball.
Im Herbst 1924 war es dann soweit, daß eine Mannschaft aufgestellt werden konnte. Vom Bautzener Seminar spielten junge Seminaristen mit, die aus Neugersdorf bzw. Spreedorf stammten: Herbert Häntsch, Walter Rudolph, Helmut Jährig und Walter Weiche. Vom Turnverein EV spielten u. a. mit: Erich Vesper, Fritz Kriegel, Oswald Herrgesell, Fritz Freund, Alfred Unger und Alfred Wendler.
Es gab zuerst einen Kampf, die Wiese des Turnvereins als Sportplatz benützen zu dürfen. Neumanns Theodor musste endlich nachgeben, und die Gebrüder Weiche bestellten bei der Firma Weber & Mihan die Torstangen. Voller Stolz haben dann die Gebrüder Weiche die Tore aufgestellt. Die alten Turner sahen mit scheelen Augen dem Aufbau zu. Vom Turnverein gab es keine Unterstützung.
Nun konnte das 1. Spiel gegen Weigsdorf-Köblitz am Sonntag nach Michaelis (das war damals am 5. Oktober 1924) steigen. Es wurde ein glatter Sieg mit 7:2 für Neugersdorf. Das Rückspiel wurde noch höher gewonnen. Das gab der jungen Mannschaft neuen Auftrieb und Mut. Auch die Polizeimannschaft von Zittau wurde geschlagen. Im Jahre 1925 spielte die 1. Mannschaft in der 1. Klasse des Turngaus Oberlausitz und belegte hier hintereinander den 2. Platz. Es gab stets spannende Spiele gegen Turnertreue Bautzen, Turnverein Löbau, Turnverein Jahn Zittau und Allg. Turnverein Zittau. In den nächsten Jahren stellte Neugersdorf stets den Gaumeister der Oberlausitz.

1. Männermannschaft des Turnvereins EV 1928
A. Unger, E. Vesper, H. Thomas, H. Herrgesell, O. Herrgesell, G. Mirtschin, S. Weiche, F. Freund, A. Wendler, W. Fischer, F. Kriegel

Zu erwähnen wäre noch, dass die Handballmannschaft sich in den Jahren 1931 und 1932 der Ballspielvereinigung "Sportlust" anschloß, da der Turnverein EV die Spielabteilung nicht unterstützte. Nicht einmal Handbälle wurden vom Turnverein gekauft, an Zahlung von Fahrgeldern und Beschaffung von Sportkleidung war nicht zu denken. Bei "Sportlust" gab es gute Unterstützung. Später kehrten die Handballsportler zum Turnverein EV zurück und wurden dort besser unterstützt. Es folgen einige Namen von Sportlern, die in der ersten Zeit mitspielten: Zentsch, Fischer, Thumsch, Hermann Herrgesell und sein jüngerer Bruder.

Ende der 20er und anfangs der 30er Jahre bestanden Handballabteilungen neben dem Turnverein EV und der Ballspielvereinigung "Sportlust" 1919 e. V. auch im Turnverein "Humor" sowie bis zu deren Verbot im März 1933 beim Arbeiter-, Turn- und Sportverein. Neben Männermannschaften spielten in drei Vereinen bereits zu jener Zeit Vertretungen der Frauen, teilweise auch der männlichen Jugend und sogar der Jungen.
Während die Mitglieder vom Turnverein EV auf dem Sportplatz an der Jahnturnhalle trainierten und ihre Wettkämpfe bestritten, spielten die Handballer von "Humor" und von "Sportlust" jeweils auf dem Sportplatz bei "Stadt Zittau". Die Mannschaften vom Arbeiter- Turn und Sportverein hatten auf dem Sportplatz "Am Wasserturm" ihr Domizil. Dieser diente auch als Ausweichstätte für die anderen Vereine.

Männer Gau- bzw. Kreismeister der Oberlausitz

Die besten Ergebnisse in der Vorkriegszeit erzielten von 1928 bis 1936 die 1. Männermannschaft des Turnvereins EV (1931/32, als die Mannschaft bei der BSV Sportlust spielte, kam man nicht zu Meisterehren).
Siebenmal gewannen die Sportler um Hermann Herrgesell den Meistertitel des Turngaus bzw. ab 1933 des Kreises Oberlausitz. "Hermann" war als einziger an allen Meisterschaften beteiligt. Von 1933 bis 1936 nahm die Mannschaft an den Aufstiegsspielen zur Gau-Liga-Sachsen teil, konnte sich jedoch nicht qualifizieren. Hunderte von Zuschauern spornten bei den Heimspielen auf dem Sportplatz an der Jahnturnhalle ihrer Mannschaft in den schokoladenbraunen Trikots und weißen Sporthosen an. Am 18. Mai 1936 wurden beim Qualifikationsspiel zur Gau-Liga-Sachsen gegen SV "Fortuna" Leipzig (Entstand 5:8) über 1300 Zuschauer registriert.

Kurze Zeit später mußte jene Mannschaft von der Vereinsführung zurückgezogen werden. Zwei Sportler wurden zum Reichsarbeitsdienst und zwei weitere zur Wehrmacht einberufen. Vier andere Spieler, welche ca. zehn Jahre der Mannschaft angehörten, stellten ihre sportlichen Aktivitäten ein. Die "Oberlausitzer Tageszeitung" vom 2. Juli 1936 berichtete hierzu: Einen schweren Schlag erleidet die gesamte Oberlausitzer Handballbewegung mit dieser Tatsache.
In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass der talentierte Mittelstürmer Herbert Reichelt 1936 am Olympia-Vorbereitungslehrgang teilnahm. Nach seiner Einberufung zur Wehrmacht spielte er beim Gau-Liga-Verein "Guts Muths" Dresden weiter. Mit Fritz Bähr, damals als Soldat Mitglied bei Freital 04, gelangte er auch in der Dresdner Stadtauswahl zum Einsatz. Ausserdem wurde er in die Sachsenauswahl berufen.
Die 2. Männermannschaft des Turnvereins EV spielte in der sogenannten "Reserve-Klasse" (heute Kreisklasse), die 1. Männermannschaft des Turnvereins "Humor" in der Kreisklasse (heute Kreisliga). Wegen zunehmender Einberufungen schlossen sich 1938 die besten Handballer beider Vereine zusammen und spielten als Neugersdorfer "Stadtauswahl" in der Kreisklasse weiter. Dass diese Vertretung leistungsstark war, beweist ein 13:8-Erfolg über die Bezirksklassemannschaft von Leutersdorf im Juni 1939. Das Hinspiel kurz vorher wurde noch mit 6:16 verloren.

Frauenmannschaften in der Vorkriegszeit

Folgende Erinnerungen verdanken wir den ehemaligen Handballerinnen aus den drei Vereinen, in denen Frauenmannschaften aktiv waren:
Frau Lotte Müller spielte von 1930 bis März 1933 beim Arbeiter-, Turn- und Sportverein. Gegner waren gleichfalls Mannschaften, deren Mitglieder den Arbeiter-, Turn- und Sportvereinen angehörten. Die meisten Spiele fanden gegen die Leutersdorfer Frauenmannschaft statt. Aber auch gegen Mannschaften aus Bautzen und Löbau wurde angetreten. Trainer war Walter Röbisch, gespielt wurde auf dem Sportplatz "Am Wasserturm".

Frauenmannschaft des Arbeiter- Turn- und Sportvereins ca. 1932
L. Müller, L. Bürger, E. Anders, G. Halang (Haupt), H. Jährig;
L. Bundesmann, K, Helfricht, E. Geier
es fehlen: L. Bretschneider, E. Stein

Frau Johanna Hohlfeld (geb. Hoffmann) berichtete im August 1984, dass sie von 1929 bis ca. 1933 beim Turnverein EV Handball gespielt hat. Einige ihrer Mitspielerinnen waren u. a. Dora Reichelt (geb. Wodke), Erna Förster (geb. Becker) und Hilde Schulze (geb. Langer). Trainer war Hermann Herrgesell, gespielt wurde auf dem Sportplatz an der Jahnturnhalle gegen Mannschaften des Turnvereins "Humor" sowie gegen Eibau.
Frau Liesbeth Berger (geb. Richter) teilte mit, dass sie von 1929 bis 1935 beim Turnverein "Humor" Handball gespielt hat. Ihre damaligen Sportfreundinnen waren u. a. Liesel Friedrich, Elsa Döring, Martha Bernhardt, Gretel Röthig, Irma Ulbrich und Erna Herzig. Gespielt wurde gegen Ebersbach, Friedersdorf, Seifhennersdorf, "Jahn" Zittau und das "Stadtduell" gegen den Turnverein EV. Spielstätte war der Sportplatz bei "Stadt Zittau", als Trainer fungierte Kurt Röthig

Jugendmannschaft unterlag nur dem Sachsenmeister

Auch Jungen und Mädchen spielten bereits zu dieser Zeit Feldhandball. Nachweislich gab es beim Turnverein EV schon 1926 eine Jungenmannschaft. Hohen Anteil an der Verbreitung des Handballsports in Neugersdorf hatten auch die Schulen. So gab es Schulvertretungen der Pestalozzi- und der Fichte-Schule, die an organisierten Schulvergleichen teilgenommen haben. Die Fichte-Schüler wurden 1936, u.a. mit Herbert Dreßler, Hans Hasche und Martin Kern, Kreismeister der Jungen.
Zwischen 1937 und 1939 trat eine recht spielstarke männliche Jugendmannschaft des Turnvereins EV in Erscheinung. Trainiert von Herbert Reichelt, wurden die jungen Handballer 1939 Kreismeister der Oberlausitz. Durch die erfolgreiche Qualifikation für die Endrunde um die Sachsenmeisterschaft zählte jene Mannschaft zu den fünf besten Vertretungen Sachsens. Bei der Sachsenmeisterschaft verlor man in der Zwischenrunde gegen den späteren Titelträger ATV Mockau mit 8:11. Joachim Fischer, einer der besten Neugersdorfer Handballer in den 50er Jahren, spielte damals als gebürtiger Leipziger beim ATV Mockau. In einem von ihm zur Verfügung gestellten Artikel aus den "Leipziger Neueste Nachrichten" vom Juni 1939 heisst es: In der Vorrunde um die Sächsischen Meisterschaft standen sich in Döbeln ... ATV Leipzig-Mockau, TV Riesa, TV Neugersdorf, VfL Chemnitz und TSG Naunhof gegenüber ... Das Los entschied, daß in der Zwischenrunde ATV Mockau gegen Neugersdorf antrat. Ergebnis 11:8 (7:5). Die Neugersdorfer entpuppten sich als äußerst zäher Gegner. ... Torschützen Wendler (Rothe) (4), Kern (2), Bergmann, Streurich für Neugersdorf.

männliche Jugendmannschaft des Turnverein EV 1939
W. Rietzel, K. Wendler (Rothe), W. Kern, G. Minke, H. Israel, E. Bergmann;
H. Rätzel, W. Gocht, K. Haase, S. Steurich, M. Kern

Ebenfalls im Juni 1939 war in der "Oberlausitzer Tageszeitung" folgendes lesen: Neugersdorf - die sportfreudigste Stadt Sachsens: 18,4% der Bevölkerung über 14 Jahre in 9 Turn- und Sportvereinen organisiert. Zu jenen 18,4% gehörten auch die Neugersdorfer Handballerinnen und Handballer. Der Zweite Weltkrieg unterbrach danach die positive Entwicklung unserer Sportart in Neugersdorf.